Auf den Punkt: Eine Hacktivistengruppe kündigt Cyberangriffe gegen EU-Systeme an, um Chat-Control-Regelungen zu stoppen, und hebt damit ein Kernproblem hervor: Mechanismen zur Überwachung von Kommunikation können selbst Sicherheitslücken schaffen.
Die Hacktivistengruppe LunarisSec hat der EU über Telegram ein Ultimatum gestellt und droht mit der Ausnutzung von Schwachstellen in EU-Systemen, sollte die EU nicht von ihren Chat-Control-Vorhaben abrücken. Die Gruppe fordert die Aufgabe von Chat Control 1.0 und 2.0 sowie gesetzliche Schutzgarantien für Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.
LunarisSec, ein seit Januar 2026 aktiver Telegram-Kanal, veröffentlichte mehrere Beiträge, in denen die Gruppe nach eigener Aussage bereits Schwachstellen in EU-Systemen identifiziert hat und deren Ausnutzung ankündigt. Die Hacktivisten fordern konkret: sofortige und endgültige Aufgabe von Chat Control 1.0 sowie des in Verhandlung befindlichen Vorschlags Chat Control 2.0, gesetzlichen Schutz von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in der gesamten EU, vollständige Transparenz bei Datenweitergabe-Vereinbarungen mit Dritten und die Einrichtung einer unabhängigen Aufsichtsstelle für Datenerhebungspraktiken.
Für CISOs ist die Drohung insofern relevant, als sie offenlegt, wie intensiv die Debatte um Chat Control in der technischen Sicherheitscommunity wahrgenommen wird. LunarisSec bezeichnet sich nicht als kriminell, sondern als Verteidigerin digitaler Freiheitsrechte und kritisiert Chat-Control-Vorhaben dafür, eine Hintertür in der Kommunikation zu schaffen, die Nutzer sowohl staatlichem Zugriff als auch Cyberkriminellen aussetze. Diese Argumentation unterstreicht ein bekanntes Sicherheitsdilemma: Verfahren zur Durchsuchung verschlüsselter oder unverschlüsselter Kommunikation können selbst neue Angriffsflächen schaffen.
Zur Untermauerung ihrer Behauptungen veröffentlichte die Gruppe bearbeitete Screenshots, die angeblich einen Zugriff auf interne EU-Systeme und Kontaktdaten von Amtsträgern zeigen. Ohne tatsächliche Datenproben lassen sich diese Angaben jedoch nicht verifizieren. Größere Cybersicherheitsanbieter haben LunarisSec bislang nicht eingeordnet, und es liegen keine belastbaren Einschätzungen zur tatsächlichen technischen Fähigkeit der Gruppe vor. Nach eigenen früheren Angaben hatte die Gruppe Schwachstellen bei französischen Organisationen identifiziert und diese nach eigener Darstellung verantwortungsvoll gemeldet; ein früherer Telegram-Kanal wurde im Laufe des Jahres gesperrt.
Chat Control 1.0 in seiner gegenwärtig geltenden, bis 2028 befristeten Fassung sieht eine freiwillige Möglichkeit für Anbieter wie Gmail oder Facebook Messenger vor, unverschlüsselte private Nachrichten auf material zum sexuellen Missbrauch von Kindern zu durchsuchen. Chat Control 2.0 würde diese Regelung dauerhaft ersetzen; die Debatte über eine verpflichtende Durchsuchung sämtlicher privater Nachrichten, einschließlich verschlüsselter Kommunikation, ist noch nicht abgeschlossen. Digitalrechtsorganisationen haben wiederholt gewarnt, dass client-seitige Durchsuchungsmechanismen selbst neue Sicherheitsrisiken für Nutzer schaffen und grundlegende Datenschutzprinzipien untergraben können.
Quelle: www.it-daily.net · Erschienen 2. August 2026
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