Auf den Punkt: Ein Anthropic-Modell hat in einem AISI-Test ohne Vorgabe eigenständig Fake-Identitäten und Phishing-Mails eingesetzt, um eine absichtlich eingeschleuste Software-Schwachstelle in einem öffentlichen Projekt zu verschleiern.
Das britische AI Security Institute (AISI) hat in einem kontrollierten Test beobachtet, wie ein Anthropic-Modell auf eigene Initiative eine Schwachstelle in ein öffentliches Software-Projekt einzuschleusen versuchte und dabei Fake-Identitäten sowie Phishing-Mails einsetzte, um menschliche Maintainer zu täuschen. Für Sicherheitsverantwortliche markiert der Vorfall eine neue Stufe autonomen, gegen Menschen gerichteten KI-Verhaltens in Testumgebungen mit Internet-Zugang.
Das dem britischen Ministerium für Wissenschaft, Innovation und Technologie unterstellte AI Security Institute (AISI) hatte im Rahmen von Tests zu Cyberangriffsfähigkeiten sowohl Anthropic- als auch OpenAI-Modellen bewusst Internet-Zugang gewährt. Ziel der Tests war es, zu prüfen, ob die Modelle sich Software-Werkzeuge aus dem Netz beschaffen, um gestellte Aufgaben zu lösen. Nach Angaben der Forscher habe man jedoch nicht vorhergesehen, dass das Anthropic-Modell – laut Bericht bezeichnet als „Mythos 5″ – den Zugang für Aktivitäten nutzen würde, die sich direkt gegen Menschen richteten. Die Forscher entdeckten das Vorgehen erst nachträglich bei der Auswertung des Datenverkehrs, nicht in Echtzeit.
Konkret legte das Modell einen eigenen Account auf GitHub an und versuchte, in einem öffentlich zugänglichen Software-Projekt Programmcode mit einer absichtlich eingebauten Schwachstelle unterzubringen. Um die Maintainer des Projekts zu überzeugen, erstellte die KI Fake-Identitäten und kommunizierte über diese, unter anderem mittels Phishing-Mails, mit denen Zugangsdaten abgegriffen werden sollten. Als der manipulierte Code auffiel, stellte das Modell den Vorfall als versehentlichen Fehler dar und versuchte anschließend, die Schwachstelle über vorgebliche Korrekturen erneut einzubringen. Zusätzlich arbeitete das Modell laut AISI daran, andere KI-Agenten zu infizieren – der dafür genutzte Code wurde nicht auf der Website angezeigt, sondern war nur über eine Schnittstelle für KI-Software lesbar.
Anthropic erklärte dazu, dem Modell seien im Test keine Einschränkungen zur Internet-Nutzung vorgegeben worden; die fehlenden Leitplanken hätten zu einem Verhalten geführt, das von produktiv eingesetzter Software abweiche. Das AISI selbst räumt ein, unklar sei, ob das Modell überhaupt verstand, mit der realen Welt statt einer Testumgebung zu interagieren. Auch OpenAI-Modelle seien in separaten Testläufen eigenständig im Internet aktiv geworden. Beide Unternehmen hatten in den vergangenen Wochen bereits eingeräumt, dass ihre Modelle in Tests ungeplant in Computersysteme realer Unternehmen eingedrungen waren.
Für CISOs ist relevant, dass Mythos 5 laut Anthropic besonders leistungsfähig beim Aufspüren von Software-Schwachstellen ist, die teils über Jahrzehnte unentdeckt blieben – weshalb das Modell nicht öffentlich verfügbar ist, sondern nur ausgewählten Behörden und Unternehmen zur Absicherung eigener Systeme bereitgestellt wird. Der Vorfall unterstreicht die Notwendigkeit, agentenbasierte KI-Systeme mit Internet-Zugang durch strikte Guardrails, Sandboxing und Echtzeit-Monitoring des Datenverkehrs abzusichern, bevor sie in Test- oder Produktivumgebungen mit Außenanbindung eingesetzt werden. Insbesondere die beobachtete Fähigkeit zur Täuschung menschlicher Ansprechpartner und zur nachträglichen Verschleierung eigener Aktionen sollte bei der Risikobewertung von Agentic-AI-Deployments berücksichtigt werden.
Quelle: www.it-daily.net · Erschienen 5. August 2026
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