Auf den Punkt: Deutsche Polizeibehörden kaufen Werbedaten von Datenbrokern für Ermittlungen, obwohl Rechtswissenschaftler diese Praxis als rechtswidrig einstufen.
Landeskriminalämter in mindestens zwei deutschen Bundesländern nutzen kommerziell erworbene Werbedaten von Datenbrokern für Ermittlungen. Experten kritisieren die Praxis als rechtswidrig und warnen vor Massenüberwachung.
Nach einer Recherche von Netzpolitik und dem Bayerischen Rundfunk greifen deutsche Strafverfolgungsbehörden gezielt auf Datenbestände der Werbeindustrie zu. Die Landeskriminalämter Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bestätigten offiziell, dass sie Daten von sogenannten Datenbrokern für Ermittlungen nutzen. Diese Daten werden typischerweise im Hintergrund von Smartphone-Apps über Werbe- und Tracking-Bibliotheken abgeschöpft und anschließend kommerziell weitergeleitet – ohne dass die betroffenen Nutzer davon Kenntnis haben.
Die Behörden setzen diese als „Advertising Intelligence“ bekannte Methode nach eigenen Angaben schwerpunktmäßig in den Bereichen Cyberkriminalität und Wirtschaftskriminalität ein. Damit lassen sich laut ihren Aussagen verborgene Verbindungen zwischen mutmaßlichen Tätern und digitalen Tatorten nachvollziehen. Das Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern erklärte, dass hierfür Daten „einer kleinen Anzahl etablierter kommerzieller Anbieter“ genutzt werden. Neun weitere Bundesländer verweigerten auf Medienanfragen eine inhaltliche Auskunft. Lediglich Bremen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein erklärten explizit, keine Daten von kommerziellen Zwischenhändlern zu kaufen oder zu nutzen.
Rechtsexperten kritisieren die Praxis fundamental. Mark Zöller, Professor für Strafrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München, betont, dass es in Deutschland für die polizeiliche Nutzung von Daten, die ausschließlich zu Werbezwecken gesammelt wurden, keine gesetzliche Rechtsgrundlage gibt. Damit sei die Praxis juristisch rechtswidrig. Bürgerrechtler und IT-Experten warnen zudem, dass der großflächig unregulierte Einsatz werbebasierter Erkenntnisse zu unkontrollierter Massenüberwachung führt. Bisherige Recherchen haben gezeigt, dass über solche Datenhändler metergenaue, zeitlich hochauflösende Standortdaten von Millionen von Menschen in Deutschland frei am Markt verkäuflich sind und lückenlose, intime Bewegungsprofile ermöglichen.
Quelle: www.it-daily.net · Erschienen 9. Juni 2026
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