Auf den Punkt: Europäisches Euro-Office-Konsortium konnte sich trotz Abspaltung 2026 nicht von russischem OnlyOffice-Code unabhängig machen und integrierten weiter dessen Änderungen statt eigene zu entwickeln.
Die als europäische Microsoft-Alternative beworbene Bürosoftware Euro-Office basiert laut einer Quellcode-Analyse von Cybernews trotz der März-Abspaltung von OnlyOffice weiterhin massiv auf Code aus Russland. Das widerspricht den Zielen des europäischen Konsortiums, Abhängigkeiten von problematischen Drittländern zu verringern.
Das europäische Konsortium hinter Euro-Office – bestehend aus Nextcloud, Ionos, Eurostack, Proton, XWiki und OpenProject – kündigte im März 2026 eine formelle Abspaltung (Fork) von OnlyOffice an, um den Code unabhängig und frei von geopolitischen Abhängigkeiten weiterzuentwickeln. Die Begründung: OnlyOffice mangele es an Transparenz und Vertrauen, zumal viele Nutzer und Kunden Software fordern, die nicht potenziell von der russischen Regierung beeinflusst oder kontrolliert wird.
Eine Analyse von Cybernews vor dem geplanten Start am 9. Juni 2026 zeigt jedoch ein anderes Bild. Der statistischen Auswertung zufolge stammen 98,6 Prozent der Dokumenten-Engine und 99,2 Prozent der Live-Service-Komponente ursprünglich von Entwicklern in russischen Zeitzonen. Europäische Beiträge machen lediglich rund 0,5 Prozent aus. Seit der formellen Trennung von OnlyOffice Version 9.3.1 am 5. März 2026 integrierte das europäische Entwicklerteam etwa 370 Code-Änderungen von OnlyOffice-Autoren in die Server-Komponenten, während es nur etwa 20 eigene Änderungen beisteuerte. Bei der Auswertung von rund 15.600 Änderungen im OnlyOffice-Quelltext wurden etwa 90 Prozent in der Moskauer Zeitzone vorgenommen, unter Einbeziehung weiterer russischer Zeitzonen (Omsk, Jekaterinburg, Samara) steigt dieser Anteil auf 99,5 Prozent.
Neben der Herkunft des Codes identifizierten die Analysten konkrete Sicherheitsdefizite. Ein Android-Bundle in der Software wird von einer unbekannten Cloud-Ressource bezogen, deren Inhalt, Eigentümer und mögliche Veränderbarkeit ungeklärt sind. Dies wirft Fragen zur Netzwerksicherheit und potenziellen Angriffsflächenerweiterung auf.
OnlyOffice reagierte auf die Vorwürfe durch seine kaufmännische Leiterin Galina Goduhina. Das Unternehmen betont die Einhaltung aller EU-Gesetze und internationalen Vorschriften. Goduhina kritisierte die Bewertung von Software auf Basis der Nationalität von Entwicklern statt nach Qualität und Sicherheit. Das Vertriebsunternehmen Ascensio System ist in Lettland registriert, die wirtschaftlichen Eigentümer sitzen in Singapur.
Quelle: www.it-daily.net · Erschienen 11. Juni 2026
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