Wer mit Claude produktiv arbeiten will, kommt nicht um die unsichtbare Hälfte herum: die Konfiguration. Welche Instruktionen stehen im Profil. Was liegt in den Projekten. Welche Skills sind aktiv. Welche Connectors verbunden. Welche Ordner auf meinem Rechner sind freigegeben. Diese Einstellungen entscheiden, wie kompetent Claude jeden Tag auftritt — und sie werden in den meisten Anleitungen unterbelichtet. Dieser Beitrag schliesst diese Lücke aus meiner eigenen Praxis.
Instruktionen: das Fundament
Die wichtigste einmalige Einstellung in Claude.ai und Claude Cowork ist die persönliche Instruktion. Sie liegt im Profil-Bereich und wird bei jeder neuen Konversation mitgereicht. Wer sie leer lässt, bekommt Claude im Werkszustand: kompetent, höflich, kontextlos. Wer sie ausfüllt, bekommt Claude als Mentor, der das eigene Berufsbild kennt, die eigenen Werte respektiert, die eigene Stilrichtung trifft.
Meine Instruktion umfasst dreissig bis vierzig Zeilen und enthält fünf Blöcke. Erster Block: wer bin ich beruflich und privat. Zweiter Block: welche Rollen spiele ich (bei mir sind das drei — Application Manager bei SPL Tele, Gründer Lumi-Systems.io, Psychologie-Student). Dritter Block: welche Kernkompetenzen habe ich und in welchen Sprachen kommuniziere ich. Vierter Block: welche Werte sind nicht verhandelbar — bei mir Leben, Freiheit, Lernen. Fünfter Block: wie soll Claude kommunizieren — bei mir akademisch präzise, in einfacher Sprache, ohne Floskeln wie „macht das Sinn für dich“.
Diese fünf Blöcke kosten beim Einrichten zwanzig Minuten und sparen über die folgenden Monate ungezählte Wiederholungen. Wer in jeder neuen Konversation seinen Hintergrund neu erklären muss, hat noch keine Profil-Instruktion. Wer sich darüber wundert, dass Claude in einer Session manchmal in englisch antwortet und in einer anderen in deutsch — dasselbe.
Projekte: die Brücke zwischen Sessions
Claude.ai und Claude Cowork kennen das Konzept der Projekte. Ein Projekt ist ein persistenter Arbeitsbereich mit eigenen Dateien, eigenen Instruktionen, eigenem Konversations-Verlauf. Wer ein Projekt einmal eingerichtet hat, kann es jederzeit wieder öffnen und Claude weiss, woran wir zuletzt gearbeitet haben.
Bei mir liegen Projekte für jeden grossen Arbeitsbereich an. Aktera Connect hat ein Projekt mit der aktuellen Architektur-Spezifikation, dem Datenmodell und den offenen Entscheidungen. Lumi AI News hat ein eigenes Projekt, in dem die Source-of-Truth-Datei der Feedzy-Importe liegt und das Tag-Filter-Konzept dokumentiert ist. Mein Psychologie-Studium hat ein Projekt mit dem APA-Stil-Leitfaden und den aktuellen Modul-Lernzielen.
Der Effekt ist enorm. Wenn ich in das Lumi-AI-News-Projekt gehe und schreibe „lass uns ein neues Editorial zur Verena-Becker-Linie schreiben“, weiss Claude in Sekunden, was die Verena-Becker-Linie ist, welche Editorials wir schon publiziert haben, welcher Tonfall passt. Ohne Projekte beginnt jede Session bei Null. Mit Projekten beginnt jede Session genau dort, wo die letzte aufgehört hat.
Dateien hochladen: der unterschätzte Hebel
Wer Claude eine PDF, eine Excel-Tabelle, ein Bild, ein Code-File mitgibt, verschiebt die Diskussion sofort auf eine andere Ebene. Ich kann Verena Beckers PDF-Präsentation hochladen und sagen „lies das, sag mir die fünf wichtigsten Punkte, und vergleich mit dem, was ich schon weiss“. Ich kann ein Excel mit unseren SPL-Tele-Anwendungsdaten hochladen und sagen „zeig mir, welche Anwendungen redundant sein könnten“. Ich kann einen Screenshot eines Buchhaltungs-Berichts hochladen und sagen „extrahier die Zahlen, mach mir eine saubere Tabelle“.
Drei Praxis-Empfehlungen für das Datei-Hochladen. Erstens: PDFs lieber direkt hochladen statt zu kopieren — Claude versteht die Struktur (Überschriften, Listen, Tabellen) besser als die ASCII-Konvertierung. Zweitens: Screenshots sind oft die schnellste Brücke — wenn ein Tool oder ein Browser-Tab keine API hat, ist ein Screenshot der akzeptable Eingang. Drittens: keine Credentials in Dateien hochladen — sie werden Teil des Konversations-Kontextes, und Konversations-Kontexte sind nicht für Geheimnisse gemacht.
Skills: die wachsende Bibliothek von Spezialkompetenzen
Skills sind ein Konzept, das mit Claude Cowork und Claude Code an Bedeutung gewonnen hat. Ein Skill ist ein abgegrenztes Kompetenz-Paket — Anweisungen, eventuell Hilfs-Skripte, oft eine eigene Wissensbasis —, das Claude bei Bedarf aktiviert. Anthropic liefert eine Reihe vorgefertigter Skills mit (Word-Dokumente, Excel-Tabellen, PowerPoint, PDF-Handling, eigene Marktbericht-Skills), und jeder Nutzer kann eigene Skills hinzufügen.
Meine eigenen Skills sind über die Monate gewachsen. Ein „Rupp-Frontend-Design“-Skill, der Frontend-Komponenten nach meinen ALEM-Design-Principles erstellt. Ein „Rupp-Security-Audit“-Skill, der jede Datei-Erstellung automatisch auf OWASP-Top-10-Probleme prüft. Ein „Lumi-XWiki-Bridge“-Skill, der mir PowerShell-Befehle zur Pflege unseres XWiki generiert. Ein „Meeting-Transkription-Analyse“-Skill, der aus Sprach-Mitschriften management-taugliche Berichte macht.
Skills haben einen versteckten Hebel: sie werden automatisch aktiv, wenn Claude erkennt, dass das Thema passt. Ich muss nicht sagen „nutze den Frontend-Design-Skill“ — wenn ich nach einer React-Komponente frage, wird der Skill geladen. Das spart Erklär-Aufwand und sorgt dafür, dass die Qualität-Standards konsistent bleiben.
Connectors: Verbindungen zur realen Welt
Connectors sind das, was Claude Cowork von Claude.ai unterscheidet. Während Claude.ai im Wesentlichen ein Konversations-Werkzeug ist, das mit Dateien und Web-Zugriff arbeitet, hat Claude Cowork Zugriff auf eine wachsende Reihe von Verbindungen zu externen Diensten. Microsoft 365 (Outlook, Calendar, Planner, OneDrive, SharePoint). Google Workspace. Slack. Notion. Anytype. WordPress. Eigene MCP-Server.
Bei mir sind aktiv: Microsoft 365 (für den SPL-Tele-Kontext, mit strikter Trennung), Google Workspace, ein eigener MetaMCP-Server für die Lumi-Systems-Infrastruktur, eine WordPress-Anbindung für ainews.lumi-systems.io und lumi-systems.io selbst, mehrere eigene Connectors für Coolify und Hetzner. Jede dieser Verbindungen ist ein verifizierter Kanal: ich entscheide, welche App welche Berechtigung bekommt, und ich kann Verbindungen jederzeit widerrufen.
Eine Sache, die Anfänger oft übersehen: Connectors sind nicht nur „Lesen“. Sie sind auch „Schreiben“. Wenn Claude Cowork meinen Planner sehen darf, kann sie Tasks erstellen. Wenn sie Outlook anbinden darf, kann sie Mails entwerfen. Diese Schreib-Berechtigung ist Macht, und Macht braucht klare Grenzen. Mein Prinzip: jede neue Connector-Berechtigung kriegt einen mentalen „Worst Case“-Check. Was kann maximal schiefgehen? Wenn die Antwort „nichts Dramatisches“ ist, geht die Verbindung an. Wenn die Antwort „Datenleck oder verschickte Mail im falschen Ton“ ist, denke ich nochmal nach.
Lokale Ordner-Freigabe: die Schnittstelle zum Rechner
Cowork läuft auf dem eigenen Desktop und hat damit die Möglichkeit, lokale Ordner zu lesen und zu beschreiben — sofern ich es erlaube. Diese Erlaubnis wird pro Ordner erteilt, sichtbar und widerrufbar. Bei mir sind freigegeben: ein Arbeits-Outputs-Ordner, in dem alle Cowork-Ergebnisse landen; ein Lumi-Systems-Verzeichnis mit aktuellen Konfigurations-Dateien; ein temporärer Austausch-Ordner für Datei-Operationen.
Der Effekt ist sofort spürbar. Wenn Claude Cowork ein neues WordPress-Plugin generiert, landet das ZIP im Outputs-Ordner — ich klicke darauf und installiere es in einer Minute. Wenn sie eine Excel-Auswertung produziert, kann ich sie sofort in Microsoft Excel öffnen. Wenn ich umgekehrt eine PDF in den Austausch-Ordner lege, kann ich Claude bitten „schau dir die neue Datei an“ — kein Hochladen, kein Mehrwert-Klick.
Eine Disziplin, die ich mir früh aufgebaut habe: ich gebe nicht ganze Festplatten frei. Ich gebe spezifische Arbeits-Ordner frei. Mein „Privat“-Ordner ist nicht sichtbar. Mein „Dokumente“-Ordner mit Steuer-Unterlagen ist nicht sichtbar. Cowork bekommt das, was sie zum Arbeiten braucht, nicht mehr. Diese Grenze ist nicht Misstrauen — sie ist Hygiene.
Die Reihenfolge, in der ich Neulingen das Setup empfehle
Wer Claude AI, Cowork und Code zum ersten Mal ernsthaft konfiguriert, sollte in dieser Reihenfolge vorgehen.
Erst die Profil-Instruktion schreiben — zwanzig Minuten, einmal, hält ein Jahr. Dann das erste Projekt anlegen — der wichtigste aktuelle Arbeitsbereich, mit zwei oder drei Dateien als Wissensbasis. Dann ein bis zwei Skills hinzufügen, die zum Arbeitsbereich passen. Dann ein einziger Connector, ausprobieren, Vertrauen aufbauen. Dann ein lokaler Ordner, ausprobieren, sehen wie sich Cowork dort verhält. Erst dann weiter ausbauen.
Dieser Aufbau in Schichten verhindert, dass man am Anfang erschlagen wird. Jede Schicht trägt für sich. Die Mehrwerte addieren sich, sie multiplizieren sich nicht — der schrittweise Aufbau ist das richtige Tempo.
Was ich nicht missen möchte
Wenn ich aus all diesen Einstellungen drei Dinge benennen müsste, die für mich nicht verhandelbar sind, wären es: die persönliche Instruktion (weil sie die Stimme festlegt), die Projekt-Struktur (weil sie das Gedächtnis trägt) und der lokale Outputs-Ordner (weil er den Übergang von „im Chat besprochen“ zu „auf meinem Rechner verfügbar“ sauber macht).
Skills und Connectors kommen später dazu, aber sie sind nicht der Einstieg. Der Einstieg ist die Klärung, wer man selbst eigentlich ist und woran man arbeitet. Wenn diese Klärung im System steckt, beginnt jede neue Session auf einem Niveau, das man manuell nicht erreicht — weil man als Mensch nicht jedes Mal alles wiederholt.
— Dimitri Rupp, Wien, 25. Mai 2026. Schreibe diesen Text aus der eigenen Konfiguration heraus, mit der er entstanden ist.