Auf den Punkt: Digitale Souveränität ist weniger ein absoluter Zustand als vielmehr die bewusste Möglichkeit, Technologien auszuwählen und bei Bedarf den Anbieter zu wechseln, ohne in Abhängigkeiten gefangen zu sein.
Der Begriff digitale Souveränität wird inflationär verwendet, ohne seine tatsächliche Bedeutung zu klären. Für CDOs liegt die Realität darin: Vollständige Unabhängigkeit ist unrealistisch – wichtiger ist bewusste Wahlfreiheit bei der Technologieauswahl.
Die wachsende Abhängigkeit von wenigen IT-Herstellern und Cloud-Anbietern ist real: In der Cloud dominieren weltweit drei amerikanische Hyperscaler (AWS, Google Cloud, Microsoft Azure) den Markt. Selbst wenn Unternehmen auf geografisch in Europa gehostete Instanzen dieser Anbieter ausweichen, unterliegen die Mutterkonzerne US-amerikanischem Recht – einschließlich des US CLOUD Act. Europäische und deutsche Cloud-Anbieter existieren, werden aber oft übersehen zugunsten etablierter Ökosysteme und schlicht erweiterten Bestandsverträgen.
Für CDOs ist eine Klarstellung zentral: Eine Cloud-Infrastruktur kann per Definition nicht wirklich souverän sein, da sie physisch auf fremden Servern läuft und der Anbieter Kontrolle behält. Echte Unabhängigkeit würde voraussetzen, dass ein Unternehmen sämtliche IT-Infrastruktur selbst betreibt, alle Anwendungen entwickelt und unterstützt sowie Partnerschnittstellen streng kontrolliert – ein Modell, das für die meisten Organisationen unrealistisch und wirtschaftlich unsinnig ist. Entscheidender ist daher die Unterscheidung: Statt digitale Souveränität sollte das Ziel digitale Wahlfreiheit sein – die Fähigkeit, Technologien bewusst auszuwählen, deren Nutzen-Risiko-Verhältnis zu bewerten und bei Bedarf den Anbieter zu wechseln, ohne rechtliche oder technische Verluste zu erleiden.
Konkret bedeutet dies für Unternehmen, Fragen anders zu stellen: Nicht „Sind wir völlig unabhängig?“ sondern „Wo liegen unsere kritischen Daten? Haben wir Exit-Klauseln in Verträgen? Können wir sensible Prozesse fragmentieren und bei alternativen Anbietern sourcethe?“ Diese Herangehensweise ähnelt dem Open-Source-Gedanken – der Möglichkeit, Technologie zu nutzen und anzupassen, nicht der Illusion, dass ein Unternehmen sie vollständig kontrolliert. Für Mittelständler bedeutet das, zunächst eine unternehmenseigene Vision zu definieren, was digitale Wahlfreiheit im konkreten Kontext bedeutet, statt sich von rhetorischen Versprechungen leiten zu lassen.
Quelle: www.it-daily.net · Erschienen 16. Juli 2026
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